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Vielleicht haben wir den Fehler gemacht, dass wir in sechs Monaten zu viel sehen wollten. Eigentlich hatten wir vor, mit Ruhe zu reisen, an den Orten, die uns besonders gefallen, ein wenig länger zu verweilen. Doch bereits nach kurzer Zeit befiel uns eine Unrast, die uns bis zum Schluss nicht mehr losließ. Unser Reiseplan wurde nach Gesprächen mit anderen Reisenden und nach dem Studieren des Reiseführers immer länger. Bereits nach einem Monat erkannten wir, dass ein halbes Jahr eigentlich zu kurz ist, um einen gesamten Kontinent zu bereisen. Trotz unseres straffen Reiseplans fehlte uns am Ende deshalb die Zeit, Peru in Ruhe zu erkunden. Auch für einen Abstecher nach Ecuador blieb keine Zeit mehr. Wir haben nicht alles gesehen, was wir wollten.
Trotzdem glauben wir, dass wir es richtig gemacht haben. Wir sprachen viel mit anderen Langzeitreisenden über den idealen Zeitraum einer längeren Reise. Viele, die bereits seit über einem Jahr unterwegs sind, berichteten von dieser inneren Müdigkeit, neue Dinge aufzunehmen. Sie meinten, dass wohl sechs Monate der ideale Zeitraum wäre. Auch wir sind trotz der Traurigkeit über das Ende unseres großen Abenteuers jetzt erst einmal gesättigt von den vielen wunderbaren Eindrücken. Wir werden diese Erlebnisse nach unserer Rückkehr in den Alltag in Ruhe verinnerlichen. Wir sind uns sicher, dass wir zu Hause beim Betrachten der Fotos noch viel intensiver realisieren werden wie wunderbar und vielfältig unsere Welt doch ist.
]]>Glaene hat ihre Gitarre in die Hand genommen. Ihre Finger greifen die Akkorde eines bekannten brasilianischen Bossa Nova. Ihre helle Stimme verführt zum Träumen. Sie bringt mich direkt an die Copacabana von Rio de Janeiro. Vor meinen Augen sehe ich den Zuckerhut. Leise summe ich die Melodie mit. Ich öffne die Augen und blicke in das lachende Gesicht von Leston, Glaenes Vater. Er wippt im Rhythmus des Bossa Novas, fängt an, zu singen. Seine tiefe Stimme kontrastiert wunderbar mit Glaenes Gesang. Johannes blickt konzentriert auf die Saiten seines Cavaquinhos, eine Art brasilianische Mandoline. Sein Klang erinnert mich an die Melodien aus Sorrent am Golf von Neapel in Italien. Neben mir klopft Jens den Rhythmus des Bossa Novas auf einem Rebollo, einem brasilianischem Perkussionsinstrument.
Ich wiege mich sanft im Rhythmus der Musik und vergesse, dass wir eigentlich zum Mittagessen eingeladen sind. Jens macht mich darauf aufmerksam, dass das Essen auf dem Herd steht. Hier in Brasilien esse jeder, wann er wolle. Ich solle mir einfach einen Teller nehmen und mir aus den Töpfen selbst schöpfen. Und so holt sich tatsächlich jeder zu unterschiedlichen Zeitpunkten sein Mittagessen. Nach einer Weile gesellt sich der Nachbar von Johannes und Glaene zu unserem musikalischen Mittagessen. Er nimmt die Gitarre in die Hand und gibt uns eine Kostprobe seiner neuesten Komposition. Mit schmerzverzerrtem Gesicht singt er von unerfüllter Liebe und Sehnsucht.
Wie unterschiedlich ist doch eine Einladung zum Essen in Brasilien im Gegensatz zu Deutschland. Alles ist ein wenig entspannter und flexibler. Beeindruckt hat mich auch die brasilianische Lebensfreude. Nie werde ich die strahlenden Augen von Leston vergessen als er die Melodie eines brasilianischen Liedes vor sich hin summte. Vielleicht würde ein bisschen brasilianische Lebensart die trüben Regentage in Deutschland etwas aufhellen…….
]]>Ich schaue mich um. Neben mir sehe ich weitere Touristen und die Bewohner von Jericoacoara, die ehrfürchtig die untergehende Sonne betrachten. Es ist ein Ritual in Jericoacoara, dass man sich jeden Abend kurz vor 18.00 Uhr auf der Duna de por do sol versammelt, um gemeinsam die Sonne zu verabschieden und die letzten Stunden des Tages zu genießen. Jericoacoara ist ein kleiner Ort in der Provinz Ceara an der Küste von Nordostbrasilien. Es soll, so heißt es, der schönste Strand von Brasilien sein, wenn nicht der ganzen Welt.
Viele, die hierherkamen, sind geblieben. Sie haben sich vom Zauber der Landschaft und von der heiteren und sorgenfreien Lebensart verführen lassen. Die Dorfgemeinschaft ist daher eine bunte Mischung aus Einheimischen, die sich hauptsächlich als Fischer ihr Brot verdienen, und ehemaligen Gästen aus aller Welt, die vor allem vom Tourismus leben. Claudia, eine Brasilianerin aus Sao Luis, berichtet mir, dass sie nach einem laengeren Aufenthalt in Jericoacoara, versucht habe, in ihrer Heimatstadt ein „normales“ Leben mit geregeltem Job und Einkommen zu führen. Zwei Jahre hielt sie es aus, dann sei sie wieder nach Jericoacoara zurückgekommen und verdiene sich jetzt ihr Geld in der Rezeption einer Pousada. Sie erzählt mir, dass sie nur hier diese unbekümmerte Lebensart vorfinde. Man verdient sein Geld, um zu leben – man lebt nicht, um zu arbeiten. Auch wenn es nicht viel sei, würde es ausreichen, um gut und vor allem stressfrei zu leben.
Auch ich versuche in der Woche, die ich in Jericoacoara verbringe, Ruhe und Entspannung zu finden. Es wird einem hier wirklich leicht gemacht, den Alltag für kurze Zeit zu vergessen. Selbst der gestressteste Großstädter wird nach dem Anblick des Sonnenuntergangs am ersten Abend in eine andere Welt eintauchen. Ich gönne mir eine Massage, die von meiner Pousada für die überarbeiteten Seelen aus der Großstadt angeboten wird. Irene, meine Masseurin, ist Italienerin. Auch sie ist vor einem Jahr hier als Gast hergekommen und ist geblieben. Ich frage sie, ob sie nicht wieder zurück nach Italien wolle. Sie meint, dass sie es sich im Moment nicht vorstellen könne, Jericoacoara zu verlassen. Auch sie hat sich wie Claudia von der Magie des kleinen Küstenortes verzaubern lassen. An meinem letzten Abend steige ich erneut auf die Duna do por do sol, um ein letztes Mal den Zauber der untergehenden Sonne in mich aufzunehmen. Ich verspüre ein Gefühl des Glücks und der Freiheit. Am liebsten würde ich den Augenblick festhalten. Gedanken über eine mögliche Zukunft in Jericoacoara kommen mir in den Kopf. Vielleicht auch eine Pousada eröffnen? Am nächsten Tag steige ich jedoch wie geplant in den Bus nach Fortaleza. Ich bin nicht geblieben. Ich werde wieder in meinen Alltag zurückkehren. Die Worte der Rezeptionistin werde ich jedoch im Herzen behalten: Volta sempre (Komme immer wieder zurück).
]]>Langsam setzt sich unser Bus in Bewegung. Es dauert nicht lange, bis wir die lebhaften bunten Straßen Tucumans hinter uns gelassen haben. Wir passieren weite Felder mit Zuckerrohr, die gelegentlich von Orangenplantagen unterbrochen werden. Hier, wo ein warmes und sonniges Klima herrscht, werden vor allem Zuckerrohr, Zitrusfrüchte und Tabak angebaut.
Nach einiger Zeit steigt die Straße langsam an, die Vegetation ändert sich. Schon bald befinden wir uns in einem tropischen Regenwald, der die Hänge der Berge bedeckt. Die Straße wird immer steiler und der Motor unseres Busses stetig lauter. Langsam quält sich unser Gefährt die steilen Serpentinen hinauf. Eine Stunde kutschiert es uns durch die mit Regenwald bedeckten Berglandschaften.
Dann wird die Pflanzenwelt langsam karger. Wir erreichen schließlich die Baumgrenze. Die Gegend erinnert nun stark an die Berglandschaft der Alpen oberhalb von 2.000 Metern Höhe. Nach rund einer halben Stunde Fahrt wandelt sie sich erneut. Die Graslandschaft wird abgelöst von Felsformationen sowie trockenen Geröll- und Sandwüsten. Ich muss an eine Mondlandschaft denken und frage mich, ob hier überhaupt irgendeine Pflanze wachsen kann. In der Ferne sehe ich plötzlich Figuren, die aussehen wie nach oben gestreckte Finger. Als wir näher kommen, sehe ich, dass es riesige Kakteen sind. Einige haben nur einen Trieb, der ganz gerade nach oben zeigt. Es sieht aus wie ein Phallussymbol. Andere haben mehrere Triebe – wie die bekannten Kakteen aus Mexiko. Es sind sogenannte Cardones, die Riesenkakteen der Anden. Es dauert 20 Jahre bis sie einen zweiten Trieb ausbilden. Somit sind die vielen Phallussymbole recht junge Kakteen, die das zwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Jens und ich schauen uns begeistert an. Die karge Wüstengegend mit ihren Kakteen übt einen ganz besonderen Reiz auf uns aus, denn solch eine Landschaft haben wir vorher noch nie gesehen.
Nach weiteren zwei Stunden Fahrt erreichen wir schließlich den Weinort Cafayate. Er liegt mitten in dieser trockenen Umgebung. Die Vorstellung, dass hier Weine angebaut werden, fasziniert uns. Mit Spannung erwarten wir unsere erste Weinprobe in einer der Bodegas von Cafayate.
]]>Da wir mit einem Reisepass reisen, müssen wir uns einen Ausreisestempel von Uruguay und einen Einreisestempel von Brasilien besorgen. Und wie praktisch hier doch alles organisiert ist: Der Reisende muss sich für den Ausreisestempel an das andere Ende von Rivera begeben und für den Einreisestempel nach Brasilien an das Stadtende von Santana do Livramento. Der schwere Rucksack drückt und meine Schultern schmerzen, als ich endlich nach einer langen Jagd durch Urugays und Brasiliens Ämter die beiden Stempel in meinem Reisepass vorfinde.
Wir haben vor, den Nachtbus nach Porto Alegre in Südbrasilien zu nehmen. Den Rest des Tages wollen wir im brasilianischen Stadtteil Santana do Livramento verbringen. Wir schlendern bis zum frühen Abend durch die Straßen dieser Stadt. Als wir an dem Platz, durch den die Grenze verläuft, ankommen, entscheiden wir uns spontan, doch noch einmal kurz ins Nachbarland zu gehen. Wir haben noch ein paar uruguayische Pesos übrig und möchten uns dort ein Bierchen gönnen. Langsam überqueren wir den Platz, und schon nach wenigen Metern befinden wir uns wieder in Uruguay. Die Schilder sind wieder auf Spanisch, man bezahlt wieder mit der hiesigen Landeswährung.
Diese Stadt ist wirklich verrückt, denke ich als wir die Hauptstraße von Rivera entlanggehen. Ein älteres Gebäude zu meiner rechten Seite erweckt meine Aufmerksamkeit. Ich bleibe stehen und schaue durch ein großes Portal. Am Ende eines langen Korridors sehe ich Billardtische und einige ältere Herren. Was das wohl für ein Ort sein mag, frage ich mich und schaue auf das matt glänzende goldene Schild neben dem Eingang. „Club Social de Uruguay“ steht dort in großen Buchstaben geschrieben. Hier wollen wir unser Bierchen genießen. Der Raum am Ende des langen Flures ist spärlich eingerichtet. In der Mitte stehen drei Billardtische. Auf der linken Seite befindet sich eine Bar. Neben den Spieltischen stehen ein paar alte Sessel, auf denen es sich einige Herren bequem gemacht haben. An zwei der Billardtische spielen zwei Männer alleine. Es ist nicht das Billard, das ich kenne. Anstatt der vielen bunten befinden sich jeweils nur drei Kugeln auf dem Tisch. Zudem hat der Tisch keine Löcher an den vier Ecken. In seiner Mitte stehen dafür vier kleine weiße Kegel, die mich an die Figuren aus „Mensch ärgere Dich nicht“ erinnern. Wir bestellen unser Bier und schauen interessiert den Spielern zu.
Es dauert nicht lange, bis uns ein freundlicher älterer Herr über das Spiel aufklärt: Es handele sich hier um eine besondere Variante des Poolspiels. Sie wird ihm zufolge in Europa vor allem in Italien gespielt. Im Club Social de Uruguay habe man schon immer diese Art des Pools gespielt, und gelegentlich gebe es Turniere mit der brasilianischen Nachbarstadt Santana. Leider interessieren sich aber kaum jungen Leute für die Aktivitäten des Clubs, beklagt er sich. Somit gebe es in der Zwischenzeit nur noch Herren älteren Jahrgangs, die sich hier auf diese Weise ihre Zeit vertreiben.
Wir erzählen ihm von unserer Reise, dass uns Uruguay sehr gefallen habe, dass wir jetzt jedoch weiter nach Südbrasilien gehen. Ich erwähne, dass ich eigentlich gerne eine Estancia in Uruguay besucht hätte, da für mich Uruguay einfach das Land der Gauchos und der Pferde sei. Daraufhin empfiehlt er uns, doch mit Jose zu sprechen. Er stehe dort drüben neben dem Billardtisch, und er sei nicht nur Besitzer einer Estancia, sondern obendrein auch passionierter Pferdezüchter.
Schon nach wenigen Minuten sind wir mit Jose im Gespräch. Er lädt uns ein, am nächsten Morgen mit ihm auf seine Estancia, die 60 Kilometer südlich liegt, zu fahren. Ich denke an unsere bereits gekaufte Fahrkarte für den Nachtbus um 23.00 Uhr, denke an unseren uruguayischen Ausreisestempel, schaue auf die Uhr – es ist 21.30 Uhr. Ich schaue Jens an, wir sind uns einig, dass wir alles versuchen werden, unser Busticket gegen ein Ticket am nächsten Tag zu verschieben. Und einen Vormittag ohne Einreisestempel in Uruguay wird schon niemand bemerken. Wir vereinbaren mit Jose, dass wir in einer halben Stunde zurück sind. Mit schnellen Schritten überqueren wir erneut die Grenze und eilen zur Busstation in Brasilien. Endlich einmal ist das Glück auf unserer Seite. Innerhalb von 20 Minuten schaffen wir es, unser Ticket zu tauschen und ein Hotel für die Nacht zu besorgen. Wieder überqueren wir die Grenze, um Jose im Club Social mitzuteilen, dass wir mit ihm am nächsten Morgen auf die Estancia fahren werden. Kurze Zeit später kehren wir zum Abendessen und Übernachten wieder nach Brasilien zurück. Der zentrale Platz ist für uns bereits ein vertrauter Anblick.
Früh am nächsten Morgen eilen wir wieder nach Uruguay, wo Jose vor den Club Social bereits auf uns wartet. Wir verbringen einen wunderschönen Vormittag mit ihm auf der Estancia. Auf der Fahrt dorthin werden wir glücklicherweise nicht von der Polizei kontrolliert. Auch die Rückfahrt verläuft problemlos. Jose bringt uns wieder direkt nach Brasilien an die Busstation. Wieder geht es über den zentralen Platz – dieses Mal im Auto. Ich muss schmunzeln, als ich daran denke, dass wir es geschafft haben, in 24 Stunden neun Mal die Grenze zwischen Uruguay und Brasilien zu überqueren.
]]>Unseren ersten Eindruck von Uruguay bekommen wir in Colonia del Sacramento, einer historischen Stadt an der Mündung des Rio de la Plata, westlich von der uruguayischen Hauptstadt Montevideo. Wir sind erstaunt, wie viel Wert man hier auf Sauberkeit und Ästhetik legt. Alte Bäume säumen die Straßen, die Gehsteige sind sauber – ja, uns kommt es fast vor, als seien wir in einer schwäbischen Stadt, in der die Einwohner regelmäßig die Kehrwoche machen. Auch die Menschen sehen sehr europäisch aus. Die Frau vom Postamt erzählt uns dann auch, dass fast alle Bewohner Uruguays von italienischen, spanischen, französischen und deutschen Einwanderern abstammen. Wir fühlen uns sofort heimisch in den Straßen von Colonia del Sacramento, genießen die Ruhe, die Sauberkeit und das viele Grün. Kleine Cafes, Restaurants und Kunstläden finden sich im historischen Ortskern, der von alten portugiesischen Häusern im Kolonialstil geprägt ist. Das ist der perfekte Ort, um abzuschalten, um das Leben zu genießen. Das Mittelmeerklima ist angenehm. Man könnte sich hier vielleicht im Alter einmal niederlassen, denken wir, als wir die wunderschönen im mediterranen Stil erbauten Häuser betrachten.
Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Montevideo. Wir sind gespannt, ob es auch hier etwas von der Sauberkeit und Ordnung zu sehen gibt, wie wir sie in Colonia del Sacramento vorgefunden hatten. Aber unsere Erwartungen werden leider nicht erfüllt. Vielmehr herrscht in Montevideo – wie eigentlich in jeder südamerikanischen Großstadt – Chaos, Lärm und Schmutz. Ein Stadtbild, das lediglich durch die Bäume und Palmen aufgelockert wird, mit denen auch hier die Gehsteige der Straßen bepflanzt sind.
Ein Gang durch die Altstadt zeigt hier wieder sehr deutlich, dass auch diese Metropole europäische Wurzeln besitzt. Cafés, Buchläden, Kinos und Theater prägen das Gesicht der Innenstadt. Die Cafés tragen sogar häufig Namen italienischer und deutscher Herkunft. Und so fühlen wir uns trotz des Lärms und des Chaos auch hier ein wenig heimisch.
Fremdartig mutet uns allerdings die Gewohnheit der Leute an, mit einer Thermoskanne unter dem Arm und einer bauchigen Tasse in der Hand durch die Straßen zu laufen. Der Grund dafür wird bald klar: Denn hier trinken alle zu jeder Tageszeit Matetee, das Nationalgetränk Uruguays. Dazu wird diese Tasse – ein spezielles Gefäß, Bombilla oder Calabaza genannt – zu drei Vierteln mit den feingemahlenen Blättern des Mate-Baumes gefüllt. Diese übergießt man mit heißem Wasser. Ein silbernes Röhrchen, das sich nach unten verbreitert und dort mit mehreren kleinen Öffnungen versehen ist, dient als Trinkhalm. Da das Gefäß ja fast vollständig mit Teeblättern gefüllt ist, muss ständig heißes Wasser nachgegossen werden. Und dieses wiederum wird in der bereits erwähnten Thermoskanne für mehrere Stunden warmgehalten.
Das Trinken von Mate ist eine soziale Angelegenheit. In einer Gruppe wird das Mategefäß immer an den Nächsten weitergereicht, nachdem man den Aufguss getrunken hat. Mate ist auch das Getränk der Gauchos, der typischen Bewohner der grünen Pampas von Uruguay. Sie haben eine eigenständige Kultur und Lebensweise entwickelt. Auch heute noch gibt es sie in den fruchtbaren Ebenen des Landes. Sie verdienen sich mit der Arbeit auf den Rinderfarmen ihren Lebensunterhalt. Uruguay ist ein sehr fruchtbares Land, da es über viele Süßwasservorräte verfügt. Die Estancias in den weiten Ebenen produzieren vor allem Rind- und Schaffleisch. Das Fleisch hier soll sogar noch besser schmecken als das in Argentinien, berichtet man uns. Es wird jedoch nicht nach Europa exportiert, sondern hauptsächlich im eigenen Land verzehrt. Uruguay ist bisher noch nicht vom internationalen Tourismus entdeckt worden. Bis auf wenige Badeorte, die in den Sommermonaten von Argentiniern und Brasilianern überflutet werden, erhält man hier noch den Eindruck von Ursprünglichkeit. Die spontane Entscheidung nach Uruguay zu fahren haben wir nicht bereut.
]]>Die Confiteria Ideal ist ein altes Kaffeehaus, das um die Wende zum 20. Jahrhundert erbaut worden ist. Und viel hat sich hier seitdem auch nicht geändert. Der Stuck an der Decke des alten Tanzsaales bröckelt bereits leicht ab. Die zahlreichen cremefarbenen Säulen, die im Raum verteilt sind, weisen Sprünge auf. Von oben baumeln riesige alte Kronleuchter und verbreiten ein schummriges Licht. Um die Tanzfläche gruppieren sich kleine runde Kaffeetische mit Stühlen. Hier nehmen die Tänzer ein Getränk zu sich und erholen sich von den Anstrengungen des Tanzes oder plaudern leise mit den Tischnachbarn.
Auf der Tanzfläche bewegen sich langsam die Körper der Paare im Rhythmus der Tangomusik. Es ist Tango der 20iger und 30iger Jahre aus der Zeit von Carlos Gardel, der Stimme Argentiniens – ein Mythos, der bis heute weiterlebt. Es ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. In vergangene Zeiten zurückversetzt fühlen sich wohl auch die vielen älteren Herren dieser Tanzveranstaltungen – auch Milongueros genannt – wenn sie mit einer wesentlich jüngeren Dame durch den Raum schweben.
„Kommen Sie. Wollen Sie tanzen?“ Ich drehe mich zur Seite, sehe einem sauber und adrett in einen weißen Anzug gekleideten älteren Herren ins Gesicht. Ich erzähle ihm, dass ich aus Deutschland komme und nicht besonders gut Tango tanzen könne. Ihm sei das egal, meint er. Wir könnten jedoch aber auch gern erstmals ein wenig plaudern. Und so berichtet er mir, dass er Francisco heiße und fast jeden Tag hierher komme. Er habe schon mit vielen Touristinnen getanzt. Und alle haben ihm später geschrieben. Stolz zieht er einen Stapel fein säuberlich in Plastik eingeschweißter Postkarten hervor. Es sind Karten aus der ganzen Welt – aus Deutschland, Luxemburg, den USA, Kanada, Italien. Seine Frau sei vor mehreren Jahren gestorben. Er habe drei Kinder, die alle in Buenos Aires leben. Wieder greift er in die Tasche seines weißen Jackets und präsentiert alte schwarz-weiß Fotos, die seine Frau und seine Kinder zeigen. So haben sie einmal ausgesehen, und wie hübsch doch seine Frau gewesen sei. Mit ihr sei er immer auf die Milongas gegangen, erzählt er. Mit ihr konnte er am besten seinen eigenen, sehr ruhigen Tanzstil tanzen. Im Hintergrund höre ich die Stimme von Carlos Gardel als er mich schließlich zum Tanz auffordert. Ich schäme mich wie immer, habe Angst, meine geringen Tangokenntnisse würden nicht ausreichen, um seiner Führung zu folgen. Er macht kleine Tanzschritte, mal vor, mal zur Seite. Es ist nicht schwer, ihm zu folgen. Ich entspanne mich und denke, dass dies so gar nicht mit dem Stil übereinstimmt, den ich in meinen Kursen gelernt habe. Leise flüstert er mir zu, dass ich wunderbar tanze, dass wir den gleichen Tangostil hätten. Am Ende des Tanzes bringt er mich zurück an den Platz und erzählt mir mit glänzenden Augen, dass er gemeint habe, mit seiner Frau zu tanzen. Ich bitte ihn um seine Adresse und versichere ihm, dass auch ich ihm eine Postkarte aus Deutschland schicken werde. Langsam steige ich die Treppen der alten Confiteria Ideal hinunter und denke an meinen Tanz zurück in die Vergangenheit.
]]>Und Buenos Aires hat sich seine Tango-Tradition bis heute erhalten. Nie zuvor gab es ein solch großes Angebot an Tanzkursen, Tanzveranstaltungen (Milongas) und professionellen Tanzshows. Hier findet jeder Tangobegeisterte das passende Angebot. Wenn man möchte, kann man hier 24 Stunden am Tag Tango tanzen.
Fast alle Gäste im Hotel Victoria stehen spät auf, da sie bis zum frühen Morgen auf den nächtlichen Milongas ihre Körper im Rhythmus des Tango bewegten. Die Eigentümer des Hotels bieten deshalb schon lange kein Frühstück mehr an. Das kann man sich jetzt zu jeder Zeit in der Hotelküche der Gäste selbst zubereiten. Eine Belgierin mittleren Alters berichtet, dass sie schon bereits das fünfte Mal hier zum Tango tanzen ist. Üblicherweise nimmt sie täglich drei Stunden Unterricht und geht dann am Abend auf die Milongas. Es sei als Frau nicht schwer, alleine dorthin zu gehen. Man finde eigentlich immer einen Porteno (Bewohner von Buenos Aires), der sich mit einer Tango-Touristin auf die Tanzfläche wage. Für Männer aus dem Ausland sei es dagegen wesentlich schwieriger, eine Portena (Bewohnerin von Buenos Aires) zum Tanz aufzufordern. Denn wenn der Mann nicht gut tanzen könne, verliere die Tänzerin ihr Gesicht, erklärt uns Jan aus Holland. Deshalb nehme er eigentlich hier nur Tanzstunden. Auf Milongas gehe er nur selten.
Auf den Milongas trifft man immer wieder bekannte Profitanzpaare. Schaut man diesen beim Tanzen zu, wird einem sofort klar, dass der Tango Argentino – wie wohl kein anderer Tanz auf dieser Welt – Harmonie, Perfektion und Leidenschaft zwischen Mann und Frau darstellt. Und das ist es wohl, was Tango-Touristen aus Europa hier suchen. Um dies zu erreichen quälen sie sich für zwei bis fünf Wochen täglich in Tanzkursen, nehmen Schlafmangel und den unerträglichen Lärm von Buenos Aires in Kauf. Doch bereits ein Tanz, der einem plötzlich dieses Gefühl von Harmonie vermittelt, dieses Eins sein mit sich, seinem Körper und den Bewegungen des Partners, lässt den Tango-Tourist die Strapazen der letzten Wochen vergessen. Er ist sich sicher, dass dies nicht die letzte Tango-Reise nach Buenos Aires gewesen ist.
]]>Die Carreterra Austral, eine Schotterpiste, wurde Anfang der 80er Jahre gebaut. Ihr letztes Teilstück bis nach Villa O¨Higgins wurde erst 1999 fertig gestellt. Sie verbindet kleine Dörfer, in denen die sich im vorletzten Jahrhundert angesiedelten Kolonisten leben. Lange Zeit waren diese Ortschaften völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Es dauerte früher mehrere Wochen bis man per Pferd in das nächste Dorf gelangte. Die Menschen, die in diesen Dörfern wohnen, lernten im Laufe der Zeit autark zu leben. Sie ernährten sich vor allem von Rind- und Schaffleisch sowie Brot. Gemüse und Früchte gab es nur im Sommer. Auch heute noch leben diese Menschen in einfachen Verhältnissen. Auffällig ist, dass es wenig soziale Unterschiede gibt. Die Häuser sind alle gleich groß, alle leben den gleichen Lebensstandard.
Wir haben zwei phantastische Wochen in diesen Dörfern verbracht. Die Menschen sind sehr freundlich, wenn auch manchmal etwas wortkarg. Und die Landschaft und der Sternenhimmel sind einfach unbeschreiblich. Ich habe die Ruhe so sehr genossen, dass ich jetzt den Lärm der Autos kaum mehr ertragen kann. In dieser Einsamkeit kann man viel nachdenken, hat Zeit für ein Gespräch, für ein Buch, für einen Sonnenaufgang. Die Sinne öffnen sich wieder für die einfachen Dinge im Leben.
Ich muss auch zugeben, dass ich es sehr genossen habe, mal keinen Computer zu haben. Ab jetzt sind wir wieder in der Zivilisation, in der hektischen Welt des Konsums, des Straßenverkehrs, der Computer, der Mobiltelefone und des Lärms. Es ist schwer, sich wieder daran zu gewöhnen. Aber ab jetzt kommen wieder regelmäßig Artikel und Bilder rein – versprochen.
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